Donnerstag, 21. März 2013

Gleichheit oder Gerechtigkeit

Als der „Wutbürger“ zum Wort des Jahres 2010 gewählt wurde gab es keinen Zweifel mehr: der sich gegen alles protestierende und erhebende Geist ist in Deutschland salonfähig geworden.
Alles Streben dieses gesellschaftlichen Phänomens, ist die großgeschriebene Gerechtigkeit.
Ich bin immer sehr skeptisch, wenn ich Gerechtigkeit höre. Denn hierzulande kleidet sich dieser Begriff sehr gerne im Doppelpack mit dem Begriff der Gleichheit.
Als Egalitarismuskritiker sehe ich diese Zwangsverheiratung mit gesunder Skepsis.
„Wenn das Streben nach Gleichheit moralisch geboten ist, dann deshalb, weil dadurch ein anderer Wert gefördert wird, und nicht, weil Gleichheit als solche moralisch erstrebenswert ist.“ Dieses Zitat von Harry Frankfurt, dem wohl bekanntesten Egalitarismuskritiker unserer Zeit, hat mich damals, während meines Studiums, sehr beeindruckt.
Ein anderes Zitat Frankfurts liegt mir weiter sehr am Herzen: „Es kommt darauf an, ob Menschen ein gutes Leben führen, und nicht, wie deren Leben relativ zu dem Leben anderer steht.“ Denn alle gleich arm oder gleich krank zu machen, wäre Gleichheit in ihrer Reinform – jedoch kaum erstrebenswert.
Im Sammelband „Gleichheit oder Gerechtigkeit“, herausgegeben von Angelika Krebs, findet man Texte, wie etwa der von Elizabeth S. Anderson, die uns ein Bild einer möglichen Gesellschaft zeigt, in der Gleichheit zum obersten Prinzip deklariert wird.
Der Egalitarismus hatte einst das edle Ziel, Ungerechtigkeiten wie Armut und Unterdrückung entgegenzutreten. Wie Anderson jedoch erläutert, ist aber erschreckend, was heutzutage aus dieser theoretischen Schule geworden ist. „Was ist hier schief gelaufen?“ fragt die Egalitarismuskritikerin entsetzt.
Berühmte „Glücksegalitaristen“, wie Ronald Dworkin, Thomas Nagel oder Eric Rakowski, stellen uns eine Neidgesellschaft vor, in der Umverteilung aufgrund von Mitleid (immer sehr erniedrigend) anstatt von Mitgefühl erfolgt. Sie unterscheiden sich inhaltlich in ihrer jeweiligen Gleichheitsforderungen (der eine will Wohlergehen, der andere Ressourcen egalisieren), teilen aber die Ansicht, dass Ungleichheiten paternalistisch zu steuern sind.
Für diese Theoretiker kommt es zur Umverteilung nicht etwa weil es den Armen absolut schlecht geht, sondern weil andere es besser haben als sie. Keine Spur von Humanität, sondern von Neid in Höchstform.
Abgesehen davon, wie extrem und unsozial die heutige Gleichheitsdebatte auf theoretischer Ebene geworden ist (Rakowski lässt Opfer eigenes Risikos oder kalkulierten Pechs buchstäblich im Regen stehen, weil sie ihren gleichen Anteil an Ressourcen verspielt hatten oder etwa Menschen, die freiwillig einen riskanten Beruf ergriffen haben), haben wir es in der Praxis mit ähnlich extremen Tendenzen zu tun. Kaum jemand in unserer Gesellschaft kennt die Egalitarismustheorien eines Nagels oder Cohens, die mit Versichertensystemen die Ungleichheiten wie Talent, gutes Aussehen etc ausgleichen wollen. Sie kommen aber auf erstaunlich ähnliche Forderungen.
Die aktuelle Debatte um Managergehälter zeigt anschaulich, wie es um das Thema Gerechtigkeit bestellt ist. Mit Sicherheit sind viele Gehälter in Managementkreisen unberechtigt hoch. Dies liegt aber nicht im Vergleich zum Durchschnittsgehalt eines deutschen Angestellten begründet, sondern in der Tatsache, dass die Leistung nicht mit der Entlohnung in einem gesunden Verhältnis steht. Die Schweizer haben mit der Entscheidung, die Eigentümer des Unternehmens die Entscheidung zu überlassen, wieviel ihnen ihr Vorstand wert ist, einen vernünftigen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Dass aber der Markt mit seinem Angebot und der Nachfrage solche Unterschiede in der Entlohnung nun mal legitimiert, sollten alle Wutbürger eigentlich langsam akzeptieren.
So entrüstet sich kaum jemand über die Millionengagen berühmter Hollywoodschauspieler, weil hier offensichtlich ist, dass die Nachfrage nach beliebten Gesichtern nun mal sehr hoch ist und jeder einsieht, dass nicht jeder einen Al Pacino oder Robert Deniro so leicht ersetzen kann.
Ich kann hier nicht im Detail auf die Thematik eingehen, die das Sammelband „Gleichheit oder Gerechtigkeit“ beleuchtet. Harry Frankfurt zeigt uns sehr anschaulich, wie der Wert der Gleichheit als intrinsisch wertvoll deklariert wird, obwohl es so etwas wie intrinischen Werte nicht gibt. Vielmehr liegt in der Unparteilichkeit und am Mangel an Informationen über die Personen in der Gesellschaft (der, der am meisten Hunger hat, sollte unter Umständen einen größeren Teil des Kuchens bekommen. Da wir aber nicht wissen, wer welche Präferenzen oder Eigenheiten hat, teilen wir den Kuchen eben gleich auf) der Grund, wieso wir Gleichheit zum Leitprinzip humaner Regierungsformen erklären.
In meiner Magisterarbeit thematisierte ich die Rolle menschlicher Fähigkeiten (capabilities approach) in einer gerechten Gesellschaft. Die Philosophin Martha Nussbaum und der Nobelpreisträger für Ökonomie, Amartya Sen, beleuchten einen viel interessanteren Aspekt der „Gerechtigkeit“, als die Egalitaristen, die ich eingangs benannt habe. Es geht bei ihnen darum, dass Menschen ein gutes Leben führen und was der Staat für Bedinungen bereitstellen kann, damit jeder ein Leben in Würde und Respekt führen kann.
Sich das als Leitprinzip zu stellen und daraus politische Agenden zu setzen, die diesem Leitprinzip gerecht werden, ist viel wertvoller als alles andere, was in der heutigen Debatte thematisiert wird.
Vielleicht sollten wir unseren Politikern ein paar Bücher schenken.
Aber sie werden keine Zeit zum Lesen haben.

Der Wutbürger braucht nämlich ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.

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