Montag, 25. März 2013

Gottes Werk und Teufels Beitrag

Ich kann mir bei Leibe nicht vorstellen, dass es irgendjemanden in meinem Umfeld gibt, der sich so etwas wie Weltfrieden oder Wohlstand für alle nicht herbeisehnt. Mich eingeschlossen.
Wie so oft in meiner Freizeit, sinnierte ich am Wochenende über mögliche Gesellschaftskonzepte und versuchte mich in die Situation eines Weltfriedens hineinzufühlen. Das war gar nicht so schwer. Aber die Fragen, die sich daraus entwickelten, machten mir große Angst.
Es fing damit an, dass ich erst einmal darüber nachdachte, was mir am Leben am meisten Freude bereitete. Mir fielen Dinge ein wie: Lesen, Filme schauen, Freunde treffen, Herausforderungen annehmen, diskutieren etc, etc...
Und an der Sache war ein auffälliger Haken. Freunde zu haben bedeutete im Konkreten, jemanden lieber zu mögen als einen anderen, also zwischen Menschen zu diskriminieren. Bücher lesen machte nur Spaß und Sinn, wenn es eine spannende Handlung gab, wie z.B. einen Mordkomplott oder Affären usw. Filme ohne Konfliktpotenzial oder Höhepunkt anzuschauen, machte kaum Freude. Wir brauchten also eindeutig das „Böse“ und den Konflikt auf der Welt, um das Gute überhaupt zu erkennen, oder sie hervorzaubern zu können.
Es wurde mir also schlagartig klar, dass unsere Welt, unsere Kultur, unsere Gesellschaft – ja alles – von der Tatsache abhing, dass Dinge in der Geschichte der Menschheit geschehen waren, die mit Schmerz, Krankheit, Liebeskummer, Krieg und vielen anderen Dingen zu tun hatten.
Wir strebten also mit unseren Bemühungen zwar stets eine perfekte Welt in Frieden und ohne Probleme an, konnten aber eine solche perfekte Welt jedoch nicht wirklich wollen.
Was für ein langweiliger Ort wäre diese Welt, hätten Kain und Abel an Anfang der Zeit ihre Differenzen nicht ausgetragen und uns eine friedliche Welt hinterlassen, ohne Krankheit und Probleme, die wir dann mit Technik und Wissenschaft lösen könnten? Waren nicht Probleme der Motor von Forschung, Arbeit und Unterhaltung?
Ich war mir bei meinen theoretischen Überlegungen auch sicher, dass etwa achtzig Prozent der weltweiten Jobs nicht existieren würden, hätten wir die globalen Probleme auf Erden nicht. Ärzte hätten nichts zu tun, es gäbe keine Polizisten, weil Konflikte und Kriminalität ausblieben. Es gäbe in der Schule nichts über Geschichte zu lernen, weil sich nie etwas ereignet hätte, worüber zu schreiben und lehren sich gelohnt hätte.
Wir mussten also im Grunde genommen froh sein, dass es Menschen gab, die Torturen und Leid über sich ergehen hatten lassen, um uns heute in die Lage zu versetzen, ein interessantes, buntes Leben zu führen.
Als ich dies begriff, wurde mir schlagartig klar, wie dankbar ich war, dass es das Übel und Böse in der Welt gab. Ich schämte mich jedoch gleichzeitig, weil ich wusste, dass ich froh war, dass es mich nicht traf.
Aber eine gute Nachricht gab es. Wir waren technologisch und ethisch an den Punkt angekommen, wo so vieles passiert war, dass genug Stoff und Aufgabenstellungen für viele Jahrhunderte übrig blieben um zu lösen. Wir hatten Schriftsteller hervorgebracht, die mit ihrer Kreativität und ihrer Fantasie genug Stoff für Jahrhunderte geschaffen hatten. Das Argument der Langeweile ohne Konflikt, war für mich plötzlich nicht mehr so überzeugend.
Wir sind heute mehr denn je in der Lage einen Weltfrieden zu schaffen, der interessant ist, so dass jeder etwas zu tun hat und die Herausforderungen nicht ausgehen, so dass jeder noch ein Ziel im Leben haben kann.
Ein übrig bleibendes Problem machte mir jedoch bei weiterer Betrachtung der Sache wieder Sorgen: wenn Chancengleichheit bestehen würde und jeder seine Träume erfüllen könnte, würden nicht alle Menschen ein Leben als Berühmtheit und Reicher führen wollen, so dass keiner übrig bliebe für all die anderen Aufgaben, die noch bestehen würden?
Aber da ich in meinem Studium der VWL gut aufgepasst hatte, wurde mir schnell klar, dass die Präferenzen der Menschen schon immer stark variierten und die jeweiligen Interessen und Lebensziele sich nicht deckten.
Wenn wir es tatsächlich schaffen könnten, mit Hilfe von Facebook, Twitter & Co., alle Menschen auf Erden von Toleranz, Freiheit und Frieden zu überzeugen, so wäre so etwas wie ein künstlicher Naturzustand möglich. Dieser Naturzustand wäre im Vergleich zu den Gedankenkonstrukten von Rawls oder Locke jedoch, um nur zwei zu nennen, realistisch und würde schon bestehendes Eigentum und Vorteile mancher Menschen berücksichtigen. Umverteilung würde nicht stattfinden. Stattdessen wäre eine Ausgangslage geschaffen, aus der sich jeder ein Leben aussuchen könnte, die für ihn maximales Glück bedeuten würde. Jeder würde seinen Traum leben können. Und da sich die Träume der Menschen, wie bereits erwähnt schon immer stark unterschieden haben, würden manche berühmte Schauspieler werden wollen, während andere einen kleinen Bauernhof in Indien führen würden. Wieder andere würden Bücher schreiben, manche Astronomie studieren und und und...
Wo aufgrund von plötzlichem Frieden Arbeitsplätze wegfallen, wie etwa in der Rüstungsindustrie, beim Geheimdienst oder Polizei, würden sich andere Herausforderungen entwickeln, die Arbeitsplätze schaffen würden, so dass wir keine kollektive Langeweile auf Erden erdulden müssten.
Ich kann mir diese neue Welt in Frieden trotz reger Fantasie schwierig vorstellen. Alleine das Vertrauen, dass das heute endlich möglich ist, macht mich aber zuversichtlich.
Alle Menschen werden Brüder . Damals bloß eine Hoffnung – heute vielleicht eine neue Realität.

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Superman ist arbeitslos
Superman ist arbeitslos. Nein. Stopp. Das ist nicht...
Libertybunny18 - 25. Jun, 10:42
Lieber Staat! (kein Liebesbrief)
Ich traue mir es ja gar nicht zu sagen...aber ich bin...
Libertybunny18 - 13. Jun, 16:23
Du nicht, ich nicht
USA, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ein Land...
Libertybunny18 - 11. Apr, 08:48
Fuchs vs. Löwe
„Als ob die Menschen, als sie den Naturzustand verließen...
Libertybunny18 - 9. Apr, 12:11
Nichts zum Lachen...
Ich habe heute schon massiven Muskelsport betrieben....
Libertybunny18 - 5. Apr, 08:43

Suche

 

Status

Online seit 4700 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 25. Jun, 10:42

Credits


Frieden
Politik
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren